MITSCHKE + DIETZ - NIGHT OVER BERLIN
Pop- und Lounge-Jazz aus Berlin


WOLFGANG MITSCHKE (WM) im Gespräch mit BERNHARD ZEYER (BZ)

BZ: Herr Mitschke, in einem Feature über Sie bei einem Jazz-Sender habe ich mal vor einiger Zeit gelesen, dass Sie schon im Lindauer Bodensee-Gymnasium, wo Sie Ende der 70er Jahre das Abitur abgelegt haben, mit einer Jazz-Formationen aufgetreten sind und dass Sie schon damals als Perfektionist galten. Sind denn Perfektionisten nicht immer etwas langsamer?

WM: Okay, ich war auf dem Gymnasium immer etwas langsam, aber ich habe - was ja im Ergebnis alleine zählt - ein gutes Abitur gemacht. Außerdem habe ich schon damals die Erfahrung gemacht, dass am Ende ist der Langsamste häufig der Schnellste - und manchmal sogar der Beste ist.

BZ: Trotzdem hat es bei Ihnen sehr lange gedauert, bis der Erfolg endlich eingetreten ist und Sie bei dem bekannten und renommierten Jazz-Label SKIP-Records in Hamburg einen Platten-Vertrag unterschrieben haben. Nach meinen Recherchen war das erst Anfang des Jahres 2005. Zu diesem Zeitpunkt waren Sie - biologisch gesehen - schon ein alter Mann. In Ihrem Alter haben beispielsweise die landläufigen und bekannten Pop-Stars doch alle schon längst "ausgesorgt". Sind Sie ein musikalischer Spätzünder?

WM: Ihre biologische Betrachtungsweise mag für sich gesehen ja stimmen, aber ganz offensichtlich ist es mir gelungen, hier die Natur zu überlisten. Im Jazz-Bereich sind die Abläufe nämlich etwas anders und vor allem wesentlich längerfristig angelegt als im Pop-Bereich. Viele gute Jazz-Musiker sind erst in vergleichsweise spätem Alter zu Ruhm und Ehre gelangt. Insofern ist der Jazzmusiker vergleichbar mit einem guten Wein, der erst sehr lange reifen muss, bevor er sein volles Aroma entfaltet.

BZ: Können Sie diesen langen Reifungsprozess bei Jazzmusikern mit Beispielen belegen?

WM: Und ob! Ein ganz aktuelles Beispiel hierfür ist der amerikanische Jazz-Sänger Mark Murphy, der trotz seiner exzellenten Gesangsqualitäten praktisch 70 Jahre lang in den USA ein relativ unbekanntes "Nischendasein" geführt hat, bevor er endlich - auch durch Mithilfe meines Jazz-Kollegen Till Brönner - den Deal bekommen hat, der ihm gemessen an seinen gesanglichen Fähigkeiten wirklich zusteht: Nämlich einen Plattenvertrag bei UNIVERSAL.

BZ: Und wenn man nicht US-Amerikaner ist und Mark Murphy heißt?

WM: Dann gilt zunächst das Peter-Prinzip.

BZ: Was besagt das Peter-Prinzip?

WM (lacht): Das Peter-Prinzip besagt, dass in einer Hierarchie jeder bis zur Stufe seiner eigenen Unfähigkeit aufsteigt. Man kann dieses Prinzip aber auch umkehren, indem man relativ unfähig beginnt, aber im weiteren Verlauf der musikalischen Entwicklung immer vielseitiger und fähiger wird. Ich glaube, so ähnlich ist es bei mir gewesen. Apropos Fähigkeiten: Ich bin immer noch so langsam wie in den 70er-Jahren im Lindauer Bodensee-Gymnasium. Aber es fällt heute nicht mehr so auf, weil die Aufgaben größer geworden sind und ich mir einfach keine Schwächen mehr leisten kann.

BZ: Braucht man viele Fähigkeiten, um heute als Jazzmusiker erfolgreich zu sein?

WM: Ja, natürlich. Es muss ja irgendwie alles auf einen Nenner gebracht werden - Talent und Technik, Musik und Marketing. Aber wie Sie wissen, habe ich auch mal Jura studiert und kenne mich daher auch in nichtmusikalischen Bereichen wie Wirtschaft, Politik und Finanzen ganz gut aus. Im Übrigen ist es leider ein Problem, dass manche kompetente Jazz-Kollegen nicht den Erfolg haben, der Ihnen eigentlich zustehen würde, weil diese Kollegen einfach immer noch nicht wissen, wie Marktwirtschaft wirklich funktioniert.

BZ: Wie funktioniert denn Marktwirtschaft?

WM: Marketing, Marketing und nochmals Marketing. Sie müssen die Leute quasi mit Werbung überschütten, sonst funktioniert es nicht wirklich. Ein renommiertes und so bekanntes Label wie SKIP-Records wirkt da natürlich hilfreich.

BZ: In der Berliner Morgenpost und im Bonner Generalanzeiger war zu lesen, dass Sie "bekennender Entspannungsjazz-Fan" sind. Und jetzt sind Sie mit Ihrem Song "Night Over Berlin" von der gleichnamigen CD auf einem schönen Lounge-Music-Sampler mit dem Titel "Die 12 coolsten Songs des Jahres" gelandet. Dieser CD-Sampler ist auf die Titelseite der Jubiläumsausgabe des bekannten Lifestyle-Magazins MAX (Heft 02/2006) aufgeklebt. Jetzt lernen in Deutschland weit über 200.000 Leute Ihren Song "Night Over Berlin" kennen. Ziehen Sie jetzt mit deutschen Jazz-Größen wie Till Brönner oder Julia Hülsmann gleich?

WM: Ja, zumindest im Hinblick auf den jetzt erreichbaren Verbreitungsgrad meiner Musik könnte man das durchaus so sehen. Die Vervielfältigungswirkung durch die Kooperation mit dem MAX-Magazin ist schon beachtlich. Das MAX-Magazin können Sie ja in ganz Deutschland an jedem besseren Kiosk und an jeder Tankstelle kaufen.

BZ: Wie erklären Sie sich den überraschenden Erfolg?

WM: Ich möchte mit meiner Musik auch das so genannte "neutrale" Publikum erreichen und damit den Pop-Jazz sozusagen massenwirksam populär machen. Ich setze dabei auf das Prinzip der Entspannung des Konsumenten mit softer Jazzmusik, in den USA vorwiegend als "Smooth-Jazz" bezeichnet. Entspannungs-Jazz ist im Ergebnis ein relativ einfaches Konzept - einfach deshalb, weil der so genannte "Modern Jazz" für ein "neutrales" Publikum häufig zu kopflastig - um nicht zu sagen: zu "verkopft" ist. Ich bemerke dieses Problem auch bei Signierstunden in den CD-Abteilungen großer Kaufhäuser. Die dort herumlaufenden Musik-Konsumenten sind ja meistens durchaus aufgeschlossen für jazzige Entspannungsmusik und mich erreicht dann später meist auch ein positives Feedback zu meiner Musik. Ich habe aber die Erfahrung gemacht, dass Sie einfache Konzepte erklären müssen, denn die Leute sind nicht mehr gewohnt, dass etwas einfach ist. Der Mensch wächst ja bekanntermaßen am Widerstand. Aber er wächst nicht nur daran, er geht auch zu Grunde, wenn der Widerstand entweder zu gering oder zu hoch ist. Jeder Mensch braucht die richtige Dosis an Kraft und vor allem die richtige Dosis an positiver Lebenseinstellung. Den Menschen durch meine Musik genau diese Dosis an Kraft und auch an positiver Lebenseinstellung zu verabreichen - das ist meine eigentliche Mission.

BZ: Herr Mitschke, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

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Die CD Mitschke+Dietz "NIGHT OVER BERLIN" ist bei SKIP/SOULFOOD erschienen und überall im Fachhandel sowie bei www.amazon.de und www.jpc.de erhältlich.